Von der Rektoratsschule zur Realschule

Die Rektoratsschule Ascheberg von ihrer Gründung (1867) bis zur Jahr­hundertwende

Als Vorgängerin der heutigen Realschule ist die im Jahre 1867 gegründete private Rekto­ratsschule zu betrachten. Allerdings ist diese nicht mit einer heutigen Realschule im modernen Sinn zu vergleichen, sondern war eher eine Art "Rumpf-Gymnasium". Viele kleinere Orte konnten sich damals aus finanziellen Gründen kein voll ausgebautes Gymnasium leisten und hatten auch nicht die entsprechenden Schülerzahlen. Sie errichte­ten deshalb eine Rektoratsschule, die gym­nasiale Bildung für die wenigen Kinder des Ortes vermittelte und nur die ersten aufstei­genden Klassen, meistens von der Sexta bis zur Obertertia, umfasste. Hier wurde also kein Schulabschluss irgendwelcher Art ver­mittelt, vielmehr mussten die Schülerinnen und Schüler nach Beendigung der jeweilig letzten Rektoratsschulklasse an ein Gymna­sium im Nachbarort wechseln

Die private Ascheberger Rektoratsschule ist auf eine Bürgerinitiative einiger Ascheber­ger Bürger zurückzuführen.

Anfänglich durften insgesamt nur achtzehn Schüler in die Schule aufgenommen wer­den, solange nur ein Lehrer für den Unter­richt zur Verfügung stand. Um 1870 hatte die Schülerzahl aber bereits 24 betragen. Deshalb erlegte der Pfarrer Pape, der als Schulinspektor fungierte, dem Schulvor­stand der Gemeinde Ascheberg ab dem Win­tersemester 1871 besondere Bedingungen für die Aufnahme von Schülern auf: Neue Schüler durften nicht vor dem vollendeten neunten Lebensjahr und erst nach einer Prü­fung aufgenommen werden, in der „Geläu­figkeit im Lesen deutscher und lateinischer Druckschrift, Kenntnis der Redetheile, eine leserliche und reinliche Handschrift, Fertig­keit, Dictirtes ohne grobe orthographische Fehler nachzuschreiben, Sicherheit in den 4 Rechnungsarten in ganzen Zahlen, Bekanntschaft mit den Geschichten des Alten und Neuen Testamentes als unerlässliches Maß der zu stellenden  Anforderungen „zu gelten hatte. Bereits 1866 hatte das Bischöfliche Generalvikariat bestimmt, dass solche Knaben, die sich höheren Studien widmen, d.h. Latein lernen wollten, mit dem vollendeten zehnten Lebensjahr in die Rektoratsschule eintreten sollten. Solche Knaben, die lediglich eine Fortbildung auf der Grundlage ihrer vorhandenen Elementarbildung beab­sichtigten, konnten nach ihrer Zulassung zur ersten hl. Kommunion aufgenommen werden.

Das erste Schulgebäude der Rektoratsschule war im Besitztum des Maurermeisters Mer­ten und lag an der Biete neben dem Geschäft Piekenbrock.

Innerhalb (von) 30 Jahre verlegte die Rektorats- schule viermal ihren Sitz. 1904 zog sie in das sogenannte "Ichterloher Armenhaus" an der Sandstraße, das heute der Familie Hegemann gehört. Die nächste Station war das Haus Althoff am Kirchplatz (1911-1912), wo heute das Vereinshaus steht. Es wurde 1920 abgerissen. Ab 1912 wurde der Unterricht der Rektoratsschule in der alten Kaplanei neben dem Pastorat abge­halten. Der Umzug 1924 von den sehr alten abgenutzten Räumen der Kaplanei in einen Teil des neu erbauten Vereinshauses war für die Rektorats- schule ein erfreulicher Fort­schritt. Man zog zum ersten Mal in speziell für die Schule erstellte Räumlichkeiten.

Der Unterricht in der Rektoratsschule war ganztägig. Die auswärtigen Schüler, die mittags wegen des langen Schulweges nicht nach Hause gehen konnten, bekamen im Stift St.Katharina (heute St.Georg), das der Landwirtschafts­schule angeschlossen war, ein Mittagessen. … Nicht alle Jungen besuchten die Rektoratsschule drei Jahre. Vor allen Dingen die Bauernsöhne, die später den Hof übernehmen soll­ten und sowieso nicht vorhatten, das Abitur zu machen, besuchten die Schule für ein oder zwei Jahre. Das sei damals so üblich gewesen. Scherzhaft habe man gesagt, dass sie dann wenigstens "lateinisch pflügen" könnten.

Was heutigen Schülern sicher traumhaft vorkommt, ist die Tatsache, dass damals auf der Rektoratsschule kein Schüler sitzen­blieb; so etwas gab es nicht.

"Am 1. April 1931 ist die Rectoratschule wegen allzugeringer Schülerzahl eingegangen." Zu dem Zeit­punkt hatte die Schule noch insgesamt 10 Schüler

Es gibt keine Hinweise darauf, dass es in den folgenden 15 Jahren Bestrebungen gegeben hat, die Rektoratsschule wiederzubeleben. Dies hing sicherlich mit der Schul- und Kulturpolitik Hitlers zusammen, die keine Freiräume zur Eröffnung einer Privatschule zuließ.

Die Wiederöffnung der Rektorats­schule 1946

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges entstand bei einigen Ascheberger Bürgern das Bedürfnis, die Rektoratsschule wieder­zubeleben, die unter den "Schul- und Kul­turbestimmungen der NSDAP nicht zu führen war."

Die Zustimmung für die Wiedereröffnung der Rektoratsschule musste sowohl vom Re­gierungspräsidenten als auch von der zu­ständigen alliierten Militärbehörde gegeben werden. Die alliierte Militärbehörde kontrol­lierte die Inhalte der Unterrichtsfächer, sie mussten frei von nationalsozialistischem Ge­dankengut sein, und sie überprüfte die "Ver­gangenheit" der Lehrer.

Im Februar 1946 waren die behördlichen Hürden bereits genommen, und eine Ge­nehmigung für die Errichtung der Privat­schule wurde erteilt. Als Schulgebäude hatte man die frühere Jungenschule an der Kirche ausgewählt, wo heute das Gebäude der Kreissparkasse steht.

Die Rektoratsschule war nun keine reine 'Knabenschule" mehr, sondern wurde erstmalig auch von (20) Mädchen besucht. Die Schule wurde vorübergehend von Rektor Theodor Jansen geleitet, im Oktober 1946 übernahm Studienrat i.R. Bernhard Falke die Schulleitung.

1951: " Eine öffentliche Mittelschule für Knaben und Mädchen in Ascheberg"

Das Jahr 1951 war für die Geschichte der Rektoratsschule ein bedeutsames Jahr. Es zeichnete sich ab, dass der Erhalt der Schule auf die Dauer nur gesichert war, wenn die Gemeinde bereit war, die Trägerschaft zu übernehmen.

Am 31.3. 1951 gab der Regierungspräsi­dent in Münster in einem Schreiben an die Gemeindeverwaltung Ascheberg offiziell die Genehmigung für die Errichtung einer "öffentlichen Mittelschule für Knaben und Mädchen in Ascheberg".

Im Schuljahr 1951/52 besuchten 52 Schü­ler/innen (Sexta: 24/ Quinta: 14/ Quarta: 13) die Ascheberger Mittelschule. Geleitet wu­rde die Schule jetzt von Lehrer Krajewski, der von seinen Schülern "Liebe zum Stu­dium, unbedingten Gehorsam und eine christliche Einstellung" erwartete.

Der Weg bis zur Anerkennung als vollausgebaute Realschule 1963

Der Kampf um den Erhalt der Realschule ging in den folgenden Jahren weiter. Rektorats- schulvereinsvorsitzender Hugo Merten verkündete im November 1954 im vollbesetzten Saale Bultmann stolz, die Fin­anzlage der Realschule sei zufriedenstellend. Doch die Sorge um sinkende Schülerzahlen und steigende Kosten ließ nicht nach. … 1957 stand der Erhalt der kleinen Schule im Gemeinderat wieder einmal zur Diskussion. Anlass war in diesem Fall akuter "Lehrer­mangel". Die Rettung kam in der Person von Willi Schäfer, der die Stelle des Schulleiters antrat und in der Person von Frl. Dr. Wielers als Ersatz für Frl. Walter. Der Regierungspräsident gab auch seine Ge­nehmigung für die Einrichtung einer dritten Lehrerstelle, die mit Frl. Kleimann besetzt wurde. Somit hatte die Realschule zum ersten Mal drei hauptamtliche Lehrkräfte.
Die Schule schien auf Dauer nur eine Überlebenschance zu haben, wenn man sie zu einer vollgültigen Realschule mit sechs Klassen ausbaute, so dass die Schüler die Schule mit dem Abschlusszeugnis der Mittleren Reife verlassen konnten.

So begann man zum Schuljahr 1958/59 mit dem Ausbau der Realschule, indem man eine vierte Klasse einrichtete. … Da die Gemeinden seit 1956 kein Schulgeld mehr erheben durften, waren sie beim Un­terhalt ihrer Schulen auf Landesmittel an­gewiesen. Für kleine Gemeinden wie Ascheberg mit einem relativ geringen Steu­eraufkommen war der Unterhalt einer wei­terführenden Schule eine schwierige Auf­gabe.

In dieser Situation entstand der Gedanke, einen Zweckverband mit den Zuliefererge­meinden Drensteinfurt und Herbern zu schaffen. Die Nachbargemeinden sollten sich prozentual, d.h. entsprechend der von ihnen entsandten Schülerzahl, an den Kosten der Schule beteiligen. … Mit vereinten Kräften setzten sich der Rekto­ratsschulverein, das Lehrerkollegium, sowie Teile der Elternschaft für einen weiteren Ausbau und damit das Überleben der Real­schule ein. Grünes Licht dazu wurde schließlich in einer Gemeinderatssitzung am 24. Oktober 1959 gegeben. …

Nachdem die Landwirtschaftsschule die Ge­bäude geräumt und umfangreiche Renovie­rungsarbeiten durchgeführt worden waren, wurde das Internat am 12.4.1961 feierlich eingeweiht. "Die Schwestern der Göttlichen Vorsehung", die seit mehr als einem halben Jahrhundert den Internatsbetrieb der Land­wirtschaftsschule geführt hatten, waren auch bereit, für die Verpflegung der Schüler des Realschulinternates zu sorgen. Die geistliche Leitung war Pater Mohr von den Steyler Missionaren übertragen worden. Zu diesem Zeitpunkt bezogen zunächst 16 Schüler das Internat, geplant war ein Aus­bau des reinen Jungeninternates auf etwa 50 Internatsplätze.

Eine vollgültige Realschule in einem neuen Gebäude

Die Pläne, die Realschule ganz im Gebäude der Landwirtschaftsschule unterzubringen, scheiterten ... So entstand der Plan eines Schulneubaues auf dem Gelände neben dem Internat. 650000 DM wurden für den Neubau veranschlagt.

Zum Schuljahr 1963/64 konnte man zu Recht sagen: Man hatte es geschafft: Die Ascheberger Schule war nun eine voll­gültige Realschule mit sechs Klassen und sechs hauptamtlichen Lehrkräften. Im Sep­tember 1963/64 konnten 200 Schüler/innen und ihre Lehrer/innen das neue Gebäude be­ziehen. Das Gebäude war für eine einzügige Schule mit den entsprechenden Fachräumen angelegt. Eine neue Turnhalle war bereits im Frühjahr seiner Bestimmung übergeben worden.

Im Oktober 1963 wurde der Realschulneubau im Rahmen eines Heimatfestes feierlich eingeweiht.

Als Abschluss der Feierlichkeiten übergab Bürgermeister Schulze-Ehring den Neubau dem Schulleiter Herrn Stroetmann.

Über einen Mangel an Schülerzahlen brauchte man sich in den Jahren nach dem Neubau der Schule nicht beklagen. … Im Frühjahr 1967 fasste der Internatsverein als Träger des Realschulinternates den Entschluss, das In­ternat aufzulösen. Der Anlass dafür war der Entschluss Pater Mohrs, Ascheberg zu ver­lassen.

Die Realschule ab 1970

1970 wurden auf der Realschule 405 Kin­der in 13 Klassen von 20 Lehrern unter­richtet. … Schulleiter Stroetmann trat 1976 mit der dringenden Bitte der Erweite­rung der Realschule um mindestens 13 Räu­me vor den Gemeinderat. … Außerdem zeichnete sich die Weiterentwicklung zur Dreizügigkeit ab. Vier Klassen der Realschule waren schon damals im Gebäude der Hauptschule untergebracht.

Zum Schuljahr 1977/78 wurde die "Zweigstelle " der Realschule in Herbern aus der Taufe gehoben. Die Entscheidung, zwei Klassen nach Herbern zu verlegen, hatte der Gemeinderat bereits im Juni 1976 gefällt. Die beiden Klassen setzten sich aus Herberner und Drensteinfurter Schülern zu­sammen. … Materielle und ideelle Unterstützung bekam die Realschule 1977 durch die Gründung des Realschulvereins Ascheberg e.V. …  Zielsetzung des neuen Vereines sollte die Unterstützung der päda­gogischen Arbeit der Realschule sein. …

An der Realschule Ascheberg hatte sich in­zwischen ein vielfältiges Schulleben ent­wickelt. Ein wichtiger Bestandteil waren mehrtägige Klassenfahrten. Bereits in der Mitte der sechziger Jahre hatten Lehrer mit sehr viel Engagement und Eigeninitiative solche Fahrten organisiert. 1973 wurde eine Tradition ins Leben gerufen, die bis (zum Ende der Neunziger Jahre) andauerte: Zum ersten Mal fuhr eine Klasse der Realschule nach England. Frau Weber organisierte diese Reise nach London, Oxford und Cambridge für ihre Klasse 9b. In den folgenden Jahren organisierten vor allen Dingen Herr Erkens und Herr Peters Klassenfahrten nach Hastings. England blieb jedoch nicht das einzige Land, das von Schülern der Realschule bereist wurde. 1987 führte Frau Dellen mit ihrer Klasse einen Austausch mit einer dänischen Schulklasse durch. 1990 baute Frau Erfmann Kontakte mit einer französischen Schule in Ouzouer-le-Marche auf. Die Schü­ler des Fremdsprachenkurses der Jahrgangs­stufe 9 nehmen fast jährlich an einem Austausch mit dieser Schule teil. Ein nennenswertes Jahr innerhalb der neu­eren Geschichte der Realschule ist das Jahr 1989. Es ist geprägt durch einen "Füh­rungswechsel" an der Realschule. Schul­leiter Josef Stroetmann ging nach 28 Dienst­jahren in den Ruhestand. Am 28. Januar wurde er in einer Feierstunde verabschiedet. Gleichzeitig wurde sein Nachfolger Johan­nes Jaspeneite in seinem Amt begrüßt. Im Juni 1989 folgte der nächste Abschied: Konrektor Augustinus Peters trat nach 18-jähriger Tätigkeit an der Realschule in den Ruhestand. Sein Nachfolger Dr. Hans-Jür­gen Smula trat mit dem Beginn des Schul­jahres 1989/90 seinen Dienst an. Zum Schuljahr 1989/90 konnte sich die Realschule räumlich ausdehnen. Da die Hauptschule Ascheberg mit der Hauptschule Herbern zusammengelegt wurde, steht seitdem das Hauptschulgebäude zur Verfügung. Damit hatte die Raumnot ein Ende und die erneute Entwicklung zur Dreizügigkeit bereitet keine Schwierigkeiten.

Quellennachweis:

Schulzeitung, Schuljubiläum Realschule Ascheberg, 125 Jahre von der Rektoratsschule zur Realschule, Oktober 1992